Osh hatte ich auf ein Mal satt. Die Stadt hatte mir zu wenig zu bieten. Am Sonntag habe ich zwar den riesen Bazar besucht, der bot mir aber nicht, was ich mir davon erhofft hatte. Darum habe ich am Sonntag Osh verlassen. Im Taxi ging es zur Grenze. Hier wurden neue Rekorde gesetzt. In weniger als 5 Minuten hatte ich das Ausreisestempel von Kyrgysien im Pass und auch auf der usbekischen Seite verdient das Team einen Orden für schnelle und unkomplizierte Abhandlung! Insgesamt war ich in weniger als 25 Minuten über die Grenze.
Auch die Weiterfahrt nach Andijon ist unkompliziert, die shared taxis warten einfach an der Grenze und die Preise sind fest, somit braucht man nicht verhandeln. Welch ein Genuss, wieder gute Strassen zu fahren! Andijon, wo 2005 ein großes Masaker unter Moslems angerichtet wurde, war leider kein „hit“. Die Stadt wurde vor gut 100 Jahren von einem Erdbeben getroffen und die ehemals historische Altstadt exisitiert bis auf eine Medresse nicht mehr. Alles was man sieht, ist neu. Dazu verpasste ich dummerweise den großen Bazar, der weit ausserhalb vom Zentrum stattfindet. Ich habe den Nachmittag auf den normalen Bazar im Zentrum verbracht. Das Hotel war eins aus der Katogorie „von aussen schön, von innen scheiße“. In Andijon wollte ich meine kostbare Zeit nicht länger vergeuden und so ging es am Montagmorgen superschnell (70 Kilometer in 45 Minuten!!!) von Andijon nach Fergana.
In Fergana habe ich mich bei einer russischen Familie (steht im Lonely Planet) einquartiert. Eine gute Douche – ein gutes Bad, welch ein Segen! Aber Fergana dient nur zur Übernachtung, denn mein Hauptziel hier war die Seidefabrik in Margilon. Im erstickend heissen Marschrutka ging es nach Margilon, dass nur wenige Kilometer nördlich von Fergana liegt. Die Stadt ist zwar uralt, man sieht es aber nicht. Das Fergana Tal wurde öfters von Erdbeben und Erobern heimgesucht und „alte Materie“ sucht man hier in den Städten häufig vergebens. Vieles liegt –wie ich über Karshi bereits schrieb- im Museum oder noch im Boden.
Die Fabrik hatte ich schnell gefunden. Es werden kostenlose Führungen in mehreren Sprachen angeboten. Da es bereits eine Gruppe weiblicher Textilprofessoren (!) aus Amerika (und eine Frau aus Antwerpen, Belgien) gab, wurde ich einfach der Gruppe eingegliedert. Diese Frauen waren aber richtige Freaks und wollten vom Dolmetscher alle Einzelheiten wissen. Als ich ihm sagte, dass ich hauptsächlich an schöne Bilder interessiert bin (ich hatte die wichtigsten Stadien der Seidenherstellung bereits gesehen), ging es auf eigene Faust weiter. Selten habe ich dabei so viel Spaß gehabt wie heute. Denn trotz ur- und uralter Maschinen (diese stammen zum Teil noch aus der Zeit vorm ersten Weltkrieg und sind teils deutsche Maschinen!) haben die Frauen in der Fabrik SPAß! Viele tanzten und sangen in den Pausen. Bei der Weberei musste ich zuerst mit 5 oder 6 hübschen jungen Frauen tanzen, bevor ich fotografieren durfte. Und die Mädels hatten richtig, richtig Spaß! Nicht nur an der Arbeit, sondern auch an dem komischen Typen aus Europa.
Auch in der Halle, wo Seide maschinell hergestellt wird, wurde viel und oft gelacht. Zuerst musste ich Tee trinken, dann alle Frauen fotografieren. Dann wurde ich mit einem jungen Buben (etwa 4 Jahre), ein Stockwerk höher geschickt, auch da freute man sich über den Fotografen.
Während der Führung waren einige Hallen ohne Arbeiter. Darum bin ich zurück gegangen und hatte Glück: ich konnte schon im Bild festhalten, wie die Kokone gekocht werden (dass stinkt übrigens …). Und wer mit der Kuh aus Osh mitleid hatte, der soll bitte mal das Kochen der Kokone (mit den noch lebenden Seideraupen) erleben. Die kokone springen im kochenden Wasser herum. Auch das färben der Seide wollte ich noch mit Mitarbeitern fotografieren. Wiederum hatte ich Glück, zwei Männer waren gerade dabei, frische Seide in kochenden Kesseln zu färben. Dies ist die einzige Aufgabe (bis auf die Wartung der Maschinen sowie die Aufsicht), die von Männern erledigt wird. Es ist aber auch eine langweilige und anstrengende Aufgabe. Nachdem ich den gesamten Prozess fotografiert hatte, wollte ich zurück zu den tanzenden Tapetenweberinnen, denn ich war mit den Bildern nicht zu frieden. Die Frauen wollten alles (einschließlich heiraten, glaube ich), nur nicht an den Webstühlen fotografiert werden. Wieder wurde getanzt, gesungen und viel gelacht. Es war die einzige Halle, wo ich fotografisch nicht richtig zum Zug kam.
Anschließend habe ich noch eine Moschee besucht, die für ihre typische Holzschnitte, wofür diese Gegend bekannt ist, besucht. Auch eine kleine, private Seidenfabrik habe ich noch besucht, aber die war bei weitem nicht so interessant wie die Yodgorlik Silk Factory.
Am Abend habe ich noch einen Spaziergang durch Fergana gemacht. Die Stadt erinnert mich stark an Dushanbe, sie ist grün, angenehm und die Menschen sind wie immer super freundlich. Ich habe das Gefühl, dass man hier noch viel mehr machen kann, aber leider fehlt mir die Zeit. In genau einer Woche werde ich wieder für 60 Stunden die Woche eingesperrt sein (man nennt das auch Arbeiten …) – ich will daran lieber nicht denken, sondern die letzten schönen Tage meiner Reise geniessen! Denn selten habe ich mich so wohl gefühlt, wie in diesen Wochen in Zentral Asien. Einfach nur Reisen, Fotografieren und Schreiben …
Anmerkung: Bilder folgen spaeter, die Internetverbindung hier in Kokand ist katastrophal …
Die Kokons werden gekocht und daraus wird die rauhe Seide gewonnen (links ein wenig zu sehen)
Die Seide wird gefaerbt
In der Seideweberei
Ein Teil der Produktion erfolgt per Hand (dies sind die teuersten Werke)
Und auf diesen uralten Maschinen wird Seide maschinell hergestellt (sehr laut!!!)
Teepause, voruebergehend wird der Maschinenlaerm durch lautes Lachen ersetzt
Zwei der Seidenweberinnen (hier wegen Foto ganz kurz ruhig … )








1 comment
Comments feed for this article
21 Mai , 2008 um 11:45
barbara
hallo ger, du niederländischer seidentänzer!
lustig, die beschreibungen von der fabrik.
deine fotosammlung muss ja mittlerweile gigantisch sein!!
geniess die letzten tage. und: einen guten rückflug!
ich bin grad bisschen im stress, da der abgabetermin fürs buch immer näher und näher rückt … besten gruss von barbara