Samstag, der 3. Mai. Morgensfrüh habe ich in Bukhara noch ein wenig Zeit, denn mein Zug fährt erst um 13.30. Ich weiss aber, dass ich rechtzeitig am Bahnhof sein muss. Nicht nur, um mir irgendwie eine Fahrkarte zu besorgen, sondern auch, weil die Züge schon lange Zeit vor der Abfahrt proppevoll sind. Im Hostel warte ich noch auf den Chef, da ich noch ein paar Dollar von ihm zurück haben möchte. Er ist aber plötzlich „verschwunden“. Ach, diese paar Dollar, darauf kommt es auch nicht an.

Ich verlasse Bukhara mit dem Gefühl, hier nie wieder zu kommen. Die Stadt war net, aber sicherlich nicht aufregend. In 20 Minuten bin ich in Kogon (auch Kagan geschrieben) am Bahnhof und bekomme diesmal am Schalter eine Fahrkarte für 1100 Som (das sind umgerechnet weniger als EUR 0,50), für eine Fahrt von etwa 4 Stunden. Eine halbe Stunde vor Abfahrt gehe ich zum Zug, der wirklich schon komplett voll ist. Eine Familie ruft mich und ich bekomme einen Sitzplatz am Fenster. Die Geschichte dieser Familie verstehe ich nicht ganz. Der Mann geht, wie so viele andere, auch nach Russland (Tomsk), um dort zu arbeiten. Er wohnt aber in Bukhara und verreist mit seiner Frau und 4 hübschen Töchterlein nach Karshi. Warum sie aber nach Karshi fahren, kriege ich nicht raus.

Im Zug ist es glühend heiß, alle schwitzen, auch die Einheimischen. Erst wenn der Zug sich in Bewegung setzt, kommt endlich etwas frische Luft. Unsere Diesellok qualmt wie eine Dampflokomotive, ich bin begeistert über den Lärm dieser riesen Loks. Unterwegs sehe ich Dromedare, die offensichtlich auf eigene Faust durch die Wüste spazieren.

Im Zug verreist diesmal eindeutig die usbekische Unterschicht. Die allerarmsten schlafen auf dem Boden bei den Türen. Die etnische Vielfalt ist erstaunlich, leider kann ich sie nicht im geringsten unterscheiden. Die kleinste Tochter meiner Familie ist gerade fünf Monate alt und hat Magenschmerzen. Die kleine wird von der Mutter im Abteil gestillt, was offensichtlich ganz normal ist. Das Baby kriegt zerbröckelte Pillen, die mit Muttermilch verdünnt werden. Ich komme nicht aus dem Staunen heraus. Die drei anderen Töchter (etwa 4, 6 und 8 Jahre alt) sind ganz neugierig, dürfen von den Eltern aber nichts. Nicht mal mein Reiseführer, der auf dem Tisch liegt, dürfen sie anfassen, bis ich es ausdrücklich erlaube. Mal sind die Eltern zu ihren 3 Töchtern ganz lieb, dann werden sie aber wieder getreten und geschlagen. Vor allem, als eine Tochter aus Versehen ein wenig kalten Tee kleckert, gibt es reichlich prügel. Man will sich vor dem westlichen Gast offensichtlich als tüchtige Eltern zeigen, was bei mir aber genau den Gegenteil bewirkt. Die 3 Mädchen tragen alle die gleichen Kleider, von denen ich vermute, dass die Muter sie selber genäht hat. Im Zug wird ein für allemal wieder klar, dass in den traditionellen Familien die Frauen nur 3 Aufgaben haben: putzen, Kinder gebären und kochen. Die Männer zeigen sich gerne als der Herrscher der Familie, sind oft kleine Despote. Nichtdestotrotz sieht man häufig Väter, die ganz liebevoll mit ihren Kindern umgehen. Zwischen Verheirateten habe ich aber bislang nicht einmal öffentliche Zärtlichkeit oder Zuneigung gesehen (bei Pärchen schon). Auch mit anderen Reisenden hatte ich mich schon über dieses Thema unterhalten. Hoffentlich geht es zwischen den heimischen 4 Wänden zärtlicher zu als im öffentlichen Leben.

Unterwegs steigen unmengen an neue Reisenden ein, der Zug platzt aus allen Nähten. Da auch dieser Zug zum Teil aus Platzkartny = Liegeplätzen besteht, liegen auch viele Reisende auf den oberen Betten und schlafen. Es ist das Beste, was man bei dieser Hitze tun kann.

Die Atmosphere im Zug finde ich hochinteressant, möchte aber nicht fotografieren. So manches kann man einfach nicht in Bildern fassen, sondern kann man nur erleben. So auch diese Zugfahrt.

Mit ein wenig Verspätung treffe ich um 17:30 in Karshi ein. Ich habe keinen Stadtplan und bloß eine ganz grobe Beschreibung im zweiten Reiseführer. Ich fahre auf gut Glück mit Marschrutka in die Altstadt, finde aber bis auf 4 Medressen eine leere Fläche vor. Sofort werde ich angesprochen und plötzlich habe ich eine, ein paar Brocken Englisch sprechende, Frau am Telefon. Da mir das nicht weiter bringt, lasse ich mich im Taxi zum Hotel Tong fahren, dass „beste ex-kommunistische Hotel der Stadt“. Da ich wie immer als Einzelreisender 2 Betten zahlen muss, bestehe ich darauf, den Zimmerpreis runter zu kriegen. USD 40 sind mir für diese Bude (pro Nacht) zu viel. Die Dame an der Rezeption kriege ich so weit, zu glauben, ich sei Student und kann mir die USD 40 pro Nacht nicht leisten. Darauf ruft sie den Direktor an, der den Rabatt ausnahmsweise genehmigt.

Nach dem x-ten Schashlik dieser Reise leiste ich mich noch ein Bier und lege mich früh schlafen. Die anstrengende Fahrt und viel mehr noch, die vielen intensiven Eindrücke der letzten Zeit besorgen mir einen tiefen, tiefen Schlaf. Ich habe es nun aber bereits bis Karshi geschafft!